Italjet Pack 2

13.05.2016 - Das Ding dürfte locker in meinen PKW passen - stimmt
zwar, aber für den Kofferraum ist's leider ein paar Zentimeter zu lang.
Der Vorbesitzer zeigt mir noch einige seiner anderen Mofas und Motor-
räder, darunter eine Hercules Lastboy (in Postausführung, passend
in Quietschgelb!), ein ultrarares Honda Klappmoped sowie eine 2-ventiler
BMW GS mit sagenhaften 7800 km auf der Uhr. Dann geht es für mich
mit der Italjet, eingeklemmt zwischen den Vorder- und Rücksitzen
meines Autos, Richtung Heimat.

14.05.2016 - Machen wir Bestandsaufnahme: Unter dem Staub der
Jahre sehen die Verkleidungen recht ordentlich aus, die Sattelstützen
sind etwas mitgenommen, der Auspuff ist rostig, die Aufkleber auf
den Seitendeckeln lösen sich, aber ansonsten bestätigt sich der positive
Eindruck. Die Italjet wandert in den Bastelkeller, das Werkzeug wird
parat gelegt. Wo fange ich an? Der alte Sprit im Tank riecht nicht mehr
frisch, daher muss das gesamte System gereinigt werden. Der Vergaser
sitzt eingepfercht zwischen Kurbelgehäuse und Rahmen, wie kriege ich ihn
da raus? Nützt nichts, ich muss die Motorhalterungen lösen, den Antriebs-
keilriemen abnehmen und den Motor nach vorne schieben, damit genug
Platz ist. Der Vergaser sieht fast neuwertig aus - ein weiterer Beweis dafür,
dass die Italjet bisher kein schweres Leben gehabt hat. Der Vergaser wird
innerlich und äusserlich gereinigt, die verstopfte Hauptdüse durchgepustet
und die Teile auf Funktion kontrolliert. Der Luftilter wird ebenfalls gereingt,
der Benzinhahn abmontiert und gesäubert, das alte Benzin abgelassen
und der Tank durchgespült. Nachdem dies erledigt ist, kann der Vergaser
wieder Platz nehmen, dann sehe ich mir die Zündung an. Die Kupplung
wird entfernt, dann die kombinierte Kupplungsglocke / Riemenscheibe
abmontiert. Die hat ordentlich Flugrost angesetzt und bekommt als Erstes
eine Kur mit Drahtbürste und feinem Schmirgel. Die Zündkontakte sehen
gut aus, der Kontaktabstand wird nachjustiert, dann können alle Teile
wieder montiert werden. Der Motor wird ebenfalls befestigt und gleich
auch der noch brauchbare Antriebsriemen gespannt. Frische Spannung
benötigt auch die Fahrradkette, dann baue ich den Auspuff ab. Der stinkt...
Daher wird ihm eine Maßnahme zuteil, die ich schon lange nicht mehr
machen musste: Der Auspuff wird mit der Lötlampe ausgebrannt, bis die
Ölkohle im Inneren verbrannt ist. Anschließend berarbeite ich den losen
Rost mit der Zopfbürste, es folgt eine Behandlung mit Rostumwandler,
der einige Stunden braucht, bevor ich den Auspuff mit Thermolack
lackieren kann, damit ist für Heute Feierabend.


Der Vergaser wartet
auf die Reinigung
Die Kupplungsglocke
braucht ebenso
Zuwendung...
...wie der rostige
Auspuff
Einmal freibrennen, bitte! Der Rostumwandler
bei der Arbeit

16.05.2016 - Gestern den Auspuff lackiert, eine Stunde später mit dem
Heißluftföhn auf Temperatur gebracht, damit der Lack durchtrocknen kann.
Heute montiere ich ihn und kontrolliere noch das Hinterachsöl, dann trage
ich das Moped nach draußen, um es waschen zu können. Zuerst folgt jedoch
eine Intensivreinigung mit Kaltreiniger, um die verkrusteteten Schmutzschichten
an Hinterachsantrieb, Rädern und Motor lösen zu können. Ein Schwamm mit
warmem Wasser, etwas Shampoo und viel "Elbow grease" lösen den Schmutz
der Jahrzehnte - womöglich die erste Wäsche seit der Auslieferung... Dann
sehe ich mir erstmals den Zustand der Metallteile genauer an: Vorder- und
Hinterrad haben ordentlich Flugrost, der Rest läßt sich meist mit einem Putz-
lappen abwischen. Mit dem Minischleifer und einer kleinen Drahtbürste ent-
ferne ich den Flugrost auf den Felgen und einigen anderen Stellen, dann wird
mit Lackstift und Sprühlack beilackiert, es folgt eine gründliche Behandlung der
Gummi- und Plastikteile mit Reiniger. Das Ergebnis ist nicht schlecht, das Mofa
sieht ganz ansehnlich aus, das kann erstmal so bleiben. Soll ich probieren, ob
das Ding läuft? Riskieren wir's... Etwas Sprit in den Tank, Kaltstarter runter,
Dekompressionshebel ziehen, ein Tritt und - das Ding läuft tatsächlich nach
dem ersten Tritt! Ich lasse den Motor kurz warmlaufen, dann versuche ich ein
paar Meter in der Seitenstraße zu fahren. Der Motor zieht flott an, meine
Velosolex ist deutlich weniger "temperamentvoll", nicht übel. Licht vorne
funktioniert, hinten nicht, sehen wir's uns an. Das Rücklicht wackelt sowieso,
nachdem die Zentralschraube befestigt ist, ist das Problem behoben. Hinten
ist eine Sofitte verbaut, das Meßgerät sagt mir, das die Birne in Ordnung ist.
Fehlt die Masseverbindung? Nein, auch da stimmt alles. Bleibt nur der Strom.
Ich zerlege den Lichtschalter und messe Kontakte und Kabel zum Rücklicht
nach, finde aber kein Problem. Ich setze die Birne wieder ein und starte den
Motor, die Birne glimmt aber nur etwas stärker, wenn ich den Motor hoch-
drehe. Das Lampenglas ist arg schwarz, eine neue Birne wird hoffentlich für
mehr Licht sorgen. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis und packe das Mofa
ins Gartenhaus zur Solex, nächste Woche werde ich mir ein neues Kenn-
zeichen besorgen, dann kann eine größere Probefahrt folgen. Was brauche
ich noch an Teilen? Die beschädigte Sattelstütze könnte ersetzt werden,
ebenso der gebrochene und geflickte linke Seitendeckel, mal sehen, was
sich im Laufe der Zeit finden läßt.

Macht wieder was her,
der überholte Auspuff
Das Ergebnis der Arbeiten

22.05.2016 - Das Kennzeichen ist dran, bleibt nur das Problem mit dem
Licht. Ich zerlege den Lichtschalter und baue alle Birnen aus. Auch mit Hilfe
des Ohmmeters brauche ich eine Weile, bis ich verstanden habe, wie der Licht-
schalter funktioniert: Ganz links schaltet dieser das Fernlicht (!) ein, in der
Mitte ist das Licht aus, ganz rechts ist die Stellung für das normale Abblendlicht,
der Schalter für die in Deutschland nicht erlaubte Hupe und der Killschalter
sind zwar belegt, die Kabel enden aber unten im Lenker und sind isoliert.
Nachdem ich die Kugel des Kontakts und die Stifte im Lichtschalter gereinigt
habe, wird das Licht besser, hinten tut sich aber so gut wie nichts, nur das
Rücklichtglas wird ordentlich warm. Da ich sonst keinen Fehler finden kann
und die Lampenglas der Birne hinten arg schwarz ist, werde ich diese erst
ersetzen müssen, um eventuelle andere Fehler finden zu können. Zeit für eine
Probefahrt! Der Motor zieht gut an, das Mofa dürfte um die 30 km/h laufen
(nur geschätzt, da das Teil keinen Tacho hat). Das Fahrverhalten mit den
winzigen Reifen, dem kurzen Radstand und dem kleinen Lenkkopfwinkel
möchte ich mal vorsichtig mit "interessant" umschreiben - sobald man eine
Hand vom Lenker nimmt, wackelt die Fuhre bedenklich. Trotzdem, das
Fahren macht grossen Spass und fast jeder dreht sich nach dem Ding um.
Zumindest einen Spiegel möchte ich aber montieren, da das Kopfdrehen
teils mit abenteuerlichen Wackeleien verbunden ist, aber welcher Spiegel
paßt bloß zu dem Gefährt? Nach einer Weile Sucherei finde ich bei Amazon
einen kleinen Spiegel in Rechteckform, der optisch passen sollte, eine Birne
für das Rücklicht wird gleich mit bestellt.

11.06.2016 - Die Birne für das Rücklicht ist endlich da und passt - damit
leuchtet endlich auch das Rücklicht wie gewünscht. Schlecht sieht es derzeit
mit dem Lenkradschloss aus - der Schlüssel fehlt und ich weiss noch nicht,
wie ich das Teil ohne Zerstörung aus dem Gehäuse bekomme und wo
überhaupt Ersatz zu finden ist. Die unübliche Bauform hilft ein wenig bei
der Recherche, evtl. passt ein Schloss eines alten Vespa Rollers, dazu
müsste ich das Teil aber erstmal in der Hand halten. Eine kurze Fahrt
zum nächsten Schlüssseldienst bringt nicht viel, der hat am Samstag zu.
Auf der Fahrt zurück geht der Motor dann aus, Schieben ist angesagt...
Vermulich ist die Düse im Vergaser zugesetzt.Da ich wenig Lust habe,
den Motor zu lösen um Platz für den Ausbau des Vergaser zu haben,
lege ich das Moped kurzerhand auf die Seite, auf eine Decke. Dachte
ich's mir doch: an die Schwimmerkammer kommt man von unten heran.
Flugs ist die Kammer demontiert und die Düse gereinigt, aber der frisch
lackierte Auspuff hat sich in grossen Teilen wieder des Sprühlacks ent-
ledigt, wie ich bei der Gelegenheit sehe - so viel zum Thema Qualität
von Thermo- Sprühlacken aus der Dose... Folgerichtig pinsele ich das
Teil mit einem Thermolack aus der Lackdose, der hoffentlich haltbarer
ist. Über eBay Kleinanzeigen hatte ich einige Tage zuvor jemand gesichtet,
der Teile für das Mofa anbietet, er hat auch noch einen brauchbaren Sattel
nebst Träger, den ich erwerbe. Bei diesem ist zwar, wie bei meinem
Exemplar, eine der Sattelrohrhüllen gebrochen, aber wenn es mir gelingt,
das intakte Teil heil abzuziehen, hätte ich wieder einen einwandfreien
Sattel für mein Fahrzeug. Zudem bietet derjenige auch einen Rahmen
an, an dem auch noch das Lenkradschloss montiert ist, ich bitte ihn um
Detailfotos, vielleicht hilft mir das ja bei der Demontage.

12.06.2016 - Der Nachmittag hält ein paar nette Sonnenstrahlen bereit,
die nutze ich. Nach wenigen Kilometern nimmt der Motor aber kaum noch
Gas an - die Düse dürfte wieder zu sein. Also bestellen wir einen Benzinfilter
und einen neuen Schlauch, damit das Problem gelöst wird.

17.06.2016 - Alle benötigten Teile sind da, zuerst wird die Schwimmerkammer
entfernt und die Düse gereinigt, dann ersetze ich den Benzinschlauch und setze
den Benzinfilter in die neue Leitung - das wird hoffentlich für Abhilfe sorgen.
Der gebraucht erworbene Sattel wird begutachtet - eine der beiden Sattel-
rohrhüllen ist in gutem Zustand und soll für mein Sattelgestell verwendet
werden. Mit dem Heißluftföhn wird der Kunststoff erwärmt und lässt sich
dann recht problemlos entfernen, ebenso das gebrochene Altteil. Mit Hilfe
von Bremsenreiniger als Schmiermittel rutscht das intakte Teil problemlos
an seinen Platz, der Sattel wird wieder ans Mopped montiert. Was war
noch? Ach ja, der Antriebsriemen quietscht ein wenig beim Anfahren, das
wird durch Lösen der 3 Motorhalteschrauben und der Halteschraube des
Auspuffs sowie Spannen des Riemens beseitigt, damit ist die Italjet wieder
einsatzbereit.
Ein schöner kleiner
Benzinfilter
Das "Organspender-"
Sattelgestell
Links eine intakte, rechts
eine defekte Hülle
...und repariert


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Letztes Update: 17.06.2016